HD-Camcorder fuer die Hosentasche
Fit for Crossmedia

HD-Camcorder für die Hosentasche

Vier Kandidaten, die gleiche Philosophie: Keep it simple!
Funktionen auf das Nötigste reduziert, Bedienung einfach. - So gelingen Webclips in hochauflösender Qualität ohne große Vorkenntnisse. Aber was taugen die Mini-Kameras im journalistischen Einsatz?


Wir haben uns
Ciscos Flip Ultra HD und Flip Mino HD,
den Bloggie MHS-PM5K von Sony und
die Zi8 von Kodak
genauer angesehen. 

    HD-Camcorder: Flip Ultra und Mino HD, Sony Bloggie, Kodak Zi8

 

Objektivsystem

Eine gute Optik hat ihren Preis. Die Minicams müssen deshalb auf optische Zooms verzichten und holen sich die Motive digital heran: Bloggie und Zi8 vierfach, die Flips nur zweifach. Dafür funktioniert das bei denen aber zügig. Die Zi8 dagegen zoomt ruckweise, in kleinen Schritten und korrigiert die Schärfe oft zu spät. Während der Aufnahme kommt so etwas gar nicht gut. Die Lösung: erst "ranspringen", dann auf Aufnahme drücken. Der Bloggie kann im FullHD-Modus überhaupt nicht zoomen. Vielleicht nicht verkehrt. Wie man sieht, wird das Bild auch bei den anderen Modellen so grobkörnig und verwaschen, dass man es meist lieber lässt. Und das gilt nicht nur für die Video-, sondern auch für die Fotofunktion.

 

Zuviel Zoomen verdirbt das Bild

 

Wenn's denn unbedingt sein muss, um zum Beispiel etwas Leben in die Gemäldeausstellung zu bringen, tut ein Foto-Stativ beim Zoomen gute Dienste. Denn selbst mit ruhigem Händchen wackelt das Bild kräftig. Die elektronischen Bildstabilisatoren können das nicht kompensieren. Vielleicht wurden sie deshalb bei den Flips gleich weggelassen? 

Wie immer gilt die Videojournalisten-Weisheit: Wenn sich Personen oder Dinge im Bild bewegen, fällt weniger auf, dass auch die Kamera nicht still hält. Vorsicht aber bei sehr schnellen Bewegungen! Dank der CMOS-Bildsensoren (statt der herkömmlichen CCD) drohen bei allen Modellen Phänomene wie der sogenannte Rolling-Shutter-Effekt, wenn Sportler oder Fahrzeuge durchs Bild flitzen. Solch ein "Wobbeln" kann sich so auswirken:

 

 

 

Auffallendstes Plus des Bloggie ist sein schwenkbares Objektiv. 270 Grad ermöglichen Aufnahmen aus nahezu jedem Blickwinkel.

 

Flexibler Blickwinkel: 270 Grad!

 

Besonders praktisch auch, falls der Bloggie-Blogger sich mal selbst aufnehmen möchte. Bei Nichtgebrauch klappt er das Objektiv dann einfach wieder ein. Ein Schutz, den die anderen nicht genießen dürfen. Hier ist statt Krimskrams-Beutel dann doch eher das wattierte Täschchen angeraten. Übrigens nirgends im Lieferumfang enthalten.

Schärfe und Farbwiedergebung sind bei ausreichend Licht sowohl bei den Flips, als auch der Zi8 für diese Klasse erstaunlich gut, beim Bloggie leider nur durchschnittlich. Aber je dunkler es wird, desto stärker neigen alle Geräte zu Bildrauschen (Beispiel). Der Weißabgleich versagt (Beispiel), Farbe und Kontrast sumpfen ab. Auch starke Licht-Schatten-Kontraste und Gegenlichtaufnahmen sind problematisch. Das Bild ist entweder zu hell oder zu dunkel oder auch mal beides während einer Aufnahme, weil die automatische Blende ständig reguliert. 

Mit Nähe und Weite haben die Fixfokus-Objektive auch so ihre Schwierigkeiten. Sie bilden frühestens in Bereichen ab 1,5 Metern scharf ab. Problematisch. Schließlich will man ja auch mal Details zeigen. Immerhin: Die Zi8 bietet als Einzige einen Makromodus an, mit dem man sich dem Objekt auf 15 Zentimeter nähern kann.

Andererseits filmen die Kameras auch auf Entfernung nicht weitwinklig genug. Selten läßt sich weit genug zurücktreten, um Räume oder gar Gebäude total abzubilden. Soll von Personen mehr als der Kopf im Bild sein, muss die Kamerafrau so auf Abstand gehen, dass der Ton in lauter Umgebung nicht immer verständlich ist, zum Beispiel beim Interview in der Messehalle oder bei der Straßenumfrage.

Bildauflösung

Die Flips beschränken sich auf eine einzige Auflösung: 720p-Video mit 30 Bildern pro Sekunde. Mehr gibt's nicht.
Der Bloggie und die Zi8 bieten 1920 x 1080/30p Full HD sowie Clips mit 1280 x 720/60p - zum Beispiel für rasante Sportaufnahmen. Außerdem 720/30p und VGA/30p. Ganz passable Fotos machen sie - bei guten Lichtverhältnissen und ohne Zoom - ebenfalls, mit etwa 5 Megapixeln. Es lassen sich natürlich auch Standbilder aus den Filmen ziehen.

Alle Vier setzen auf H.264-Codierung und legen die Daten in MP4-Container ab. Per Drag and Drop lassen sich solche Clips in HD-fähige Schnittsoftware importieren oder ins Netz stellen. Bei den hohen Datenraten sollte das allerdings mit einem leistungsfähigen Rechner geschehen.

 

Displays

HD-Camcorder Displays

 

Der Monitor der Flip Mino HD unterschreitet die Schmerzgrenze. Bei 1,5" läßt sich das Bild kaum noch beurteilen. Von vornherein groß (2,5") und kontrastreich präsentiert sich die Anzeige der Zi8. Der Bloggie stellt sein Display immerhin bei Wiedergabe quer und nutzt dann die vollen 2,4". Dafür hat sein Monitor ein Blickwinkel-Problem. Steht er auch nur leicht schräg, etwa, wenn man das tolle schwenkbare Objektiv ausreizen will, läßt er sich nicht mehr vernünftig ablesen.

 

Schlechte Sicht: Das Bloggie-Display hat einen zu engen Blickwinkel

 

Bedienung

Ein, Aufnahme, Wiedergabe, Plus- und Minustaste für den Zoom - mehr braucht eine Flip nicht. Zettel statt Handbuch! Die berührungsempfindlichen Leuchttasten der Mino HD können schon mal unbeabsichtigt auslösen. Die Bedienung der Zi8 mit dem kleinen Joystick ist ebenfalls mehr oder weniger selbsterklärend, hat man die Bedeutung der eigenwilligen Icons erst mal durchschaut. Durch seine ehrgeizige Menüführung mit zahlreichen Einstellungsmöglichkeiten wie Diaschau oder Flimmerreduzierung, liegt der Bloggie für militante Simpelfilmer schon im Grenzbereich. 

Für alle gilt: einfach aus der Tasche ziehen und losfilmen. Sie sind sofort einsatzbereit, wenn der Vulkan ausbricht und auch gleich wieder verstaut, wenn die Hände wieder frei sein sollen. 

 

Mikrofone

Tonaufnahmen sind in den unteren Preisklassen immer ein großes Problem. Die Pocketcams schlagen sich wacker. Flips fischen den Ton mittels seitlicher Mikrofone in Stereo. Dieses System potenziert allerdings auch die Probleme, die alle Geräte mit dem kleinsten Windstoß haben. Luftzug am Mikro überdröhnt die Aufnahme und macht sie unbrauchbar. Vernünftigerweise verläßt die Zi8 hier das Minimalkonzept: Derzeit einmalig im Feld hat sie einen pegelbaren Mikrofoneingang! So lassen sich die Videos mit einem hochwertigen externen Mikrofon deutlich professionalisieren. Aus dem Video- wird auch ein brauchbarer Audiorekorder, allerdings mit deutlich geringerer Akkuleistung.

 

Speicherplatz

Abgelegt wird bei den Flips auf dem internen 4 GB (Mino), bzw. 8 GB (Ultra) Flashspeicher. Nach einer, bzw. zwei Stunden Aufnahme ist Schluß. Also Vorsicht. Bei längeren Einsätzen sollte man einen Laptop bereithalten, um rechtzeitig umzuschichten. Zi8 und Bloggie haben zwar nur 128 bzw. 26 MB internen Speicher, sind durch ihre SD-Steckplätze aber flexibel bis 32 GB. Beim Bloggie ist die Aufnahmezeit pro Clip auf 25 Minuten beschränkt. Der mitgelieferte 4GB-Memorystick nimmt im 720p-Modus etwa zwei Stunden, bei 1080p eine Stunde und 15 Minuten auf. Ärgerlich: Die Zi8 wird ohne Speicherkarte geliefert. Also gleich dazu kaufen, sonst gibts beim Auspacken Frust.

 

Stromversorgung

Ein paar Ersatzakkus sollte man in der Tasche haben. Die Laufzeiten sind nicht berauschend. Zi8 und Bloggie schwächeln nach etwa 90 Minuten und müssen dann für rund zwei Stunden ans Ladegerät. Die Mino HD schafft - ohne Möglichkeit zum Wechseln! - an die zwei Stunden und braucht dann drei zur Regeneration. Hier kann die Flip Ultra punkten: Sie verträgt als Einzige normale AA-Batterien, ist mit ihren 170g aber auch besonders klobig und schwer. 

 

Anschlüsse

Der ausklappbare USB-Arm schenkte einst der Flip ihren Namen. Das Prinzip hat sich inzwischen durchgesetzt.

Komfortabler ist es aber meist doch mit Kabel. Der gelenkige Gummistöpsel der Zi8 gibt als einziger etwas nach. Trotzdem kann auch er am PC, je nach Lage der USB-Plätze, Probleme bereiten. Bei der dicken Flip Ultra HD kann es richtig eng werden. Und der Bloggie schwebt gefährlich neben dem Laptop. Eine falsche Bewegung und der Stecker ist verbogen.

 

Bloggie im Schwebezustand

 

Die Zi8 bringt praktischerweise gleich alle Kabel mit, auch für die HDMI-Verbindung. Der Bloggie verzichtet als Einziger auf einen solchen Port. Schade!

 

Zubehör

360-Grad-Aufnahmen erlaubt die aufsteckbare Panoramalinse des Bloggie. Das ist nett, wenn man die Möglichkeit hat, diese Kugelpanorama-Videos irgendwo einzubinden. Die Qualität läßt auch hier Wünsche offen.
Zweckmäßiger können sich da schon das Unterwassergehäuse für die Flip Ultra HD oder die Fernbedienung für die Zi8 erweisen. Beides kostet aber extra.

 

Schnittsoftware

HD-Camcorder Software

Bearbeitungsprogramme bringen alle Pocketcamcorder mit und installieren sie bei Erstkontakt automatisch. Allerdings mit rudimentärem Funktionsumfang. Vernünftiger Filmschnitt ist damit nicht möglich. Der Sony Picture Motion Browser ist besonders konfus, das mit der Zi8 gelieferte ArcSoft MediaImpression läuft nicht auf Mac. Es empfiehlt sich also der rasche Wechsel zu höherwertigen Programmen. Das geht sogar gratis, zum Beispiel mit "Windows Live Movie Maker" für PC oder "iMovie '11" für Mac. Vor allem bei schwachen Rechnern wird man mit dem Aufnahmeformat der Kameras im Schnitt nicht glücklich. Alles muss gerendert werden - und das dauert. Deshalb empfiehlt es sich unter Umständen, die Files vor dem Import in ein schnittfähiges Format zu konvertieren, z.B. mit dem kostenlosen MPEG-Streamclip, den es für Windows und Mac gibt. 

 

Fazit

Die Flip-Familie bietet gute Bildqualität bei einfachster Bedienung. Ideal für Anfänger. Warum nur fehlen Speicherkarte und Mikrofonanschluß?

Der bunt-stylische Bloggie macht das Filmen durch die drehbare Linse zum Vergnügen, aber das Ergebnis ist leider nur mittelmäßig. Dafür ist er zu teuer.

Die Zi8 ist durch ihre Ausstattung und die Chance, sogar vernünftigen Ton nach Hause zu bringen, derzeit für Journalisten wohl die beste Wahl, wenn man sie mit Speicherkarte, Ersatzakku und Mikrofon aufrüstet.

Neben den getesteten Modellen bietet der Markt natürlich weitere, wie zum Beispiel den Samsung HMX-U10, den JVC GC-FM1 oder den Creative Vado HD, der große Bruder der BILD-Leserkamera. Alle tummeln sich im gleichen Preissegment.

Diese sogenannten "Spaßcamcorder" können professionelles Videoequipment natürlich nicht ersetzen. Aber sie sind eine nützliche Ergänzung für die redaktionelle Arbeit: Als "Adabei" für Gelegenheitsschüsse oder Glücksfälle - und wenn die Redaktion fürs Web ganz bewusst auf eine reduzierte Optik setzt und die Reporterin oder der Journalist als eierlegende Wollmilchsau für alle Medien nicht auch noch das Lastkamel spielen will. Wie praktisch es ist, immer einen dieser Zwerge dabei zu haben, zeigte Abendzeitungs-Reporter Florian Kinast. Im Olympiastadion von Vancouver geriet er - angeblich völlig unbeabsichtigt - unter die Athleten und marschierte mit ihnen in die Arena. Kinast filmte das Gänsehaut-Ereignis aus faszinierender Perspektive. Inzwischen steht das Web-Video natürlich auf dem AZ-Portal.

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